Warschau - Facettenreich und voller Kindheitserinnerungen

Tag 1

Wir haben den zweiten Teil unseres diesjährigen Pfingstausflugs begonnen und sind von Krakau nach Warschau geflogen. Eigentlich hatte ich geplant mit dem Zug zu reisen - die Bahnstrecke wird jedoch erneuert und die Verbindung ist nicht ohne lange Umwege verfügbar. Nach knapp 50 Minuten Flug landen wir am Chopin Airport in Warschau. Mit der S-Bahn geht es weiter in Richtung Innenstadt. Unser Hotel ist relativ zentral gelegen und so können wir auf der Fahrt mit der S-Bahn erste Eindrücke sammeln.

Mein erster Eindruck - ich bekomme das Gefühl in meine Kindheit zu reisen. Warschau zeigt auch in den Außenbezirken die Architektur des Ostblocks. Ich finde das nicht wirklich hässlich - es hat seinen eigenen Charme. Den Koffer rasch abgestellt, zieht es uns gleich los den ersten Kontakt zur Stadt und den Menschen aufzunehmen. Wir fahren mit der Tram bis zur Haltestelle Muzeum Narodowe 05 und laufen die Ulica Nowy Swiat in Richtung Altstadt.

Die Nowy Swiat, zu deutsch "Neue Welt Straße" gehört zu den schönsten Straßen Warschaus. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurde die Straße im Stil des 19. Jahrhunderts wieder aufgebaut. Hübsche Cafes, Restaurants und kleinere Geschäfte laden zum Bummeln ein. Die Straße ist am Sonntag für Fahrzeuge gesperrt und führt am Ende direkt zur Sigismundsäule und dem Schlossplatz. Ganz soweit schaffen wir es am ersten Tag noch nicht, es ist bereits früher Abend und wir bekommen Hunger. Am Kopernikusdenkmal machen wir kehrt und widmen unsere Aufmerksamkeit einem typisch polnischen Gericht "Pierogi". Die gefüllten Teigtaschen gibt es in der süßen Variante oder aber auch herzhaft gefüllt. Da es unser Abendessen sein soll, entscheiden wir uns für die herzhafte Variante und fallen ein wenig später müde in unser Hotelbett.

Tag 2

Nach dem erfolgreichen Segway Kick-off in Krakau haben wir beschlossen, dies auch in Warschau als unser präferiertes Verkehrsmittel zur Erkundung der Stadt zu nutzen. Diesmal geben wir es uns aber richtig und buchen eine 2-stündige Tour, welche am Ende fast 3 Stunden dauert. Wir können Euch Segway-Tours und im besonderen Mathew (Mattihas) empfehlen. Matt ist Student an der Universität Warschau und widmet sich der polnischen Sprache. Er wird uns seine Stadt zeigen.

Die Tour startet in der Ulica Nowy Swiat und führt uns zunächst in Richtung des Kulturpalasts. Er gehört seit seiner Errichtung in den 50iger Jahren zu den Wahrzeichen der Stadt Warschau und ist ein gigantisch großer Stalinbau. Überhaupt gibt es in Warschau viele aus den 50iger/ 60iger Jahren stammende Straßenzüge, welche in ihrer Größe, Länge und Architektur von der Sowjetära geprägt sind. Für mich fühlt sich das gut an - es ist ein Teil meiner Kindheit, welchen es kaum mehr in Deutschland zusehen gibt und so bin ich hier in Warschau immer wieder gedanklich in meiner Kindheit unterwegs. 

Wir fahren weiter in Richtung Ogrod Saski (Sachsen Garten) und tauchen mitten in der Stadt in eine kleine Oase eine. Eine wunderschöne kleine Parkanlage aus der Zeit August II. dem Starken stammend. Das dazugehörige Schloss gibt es seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr. Nur ein winziger Teil von Bogengängen ist stehen geblieben. Hier befindet sich das Denkmal des unbekannten Soldaten. Das Denkmal wird von 2 polnischen Soldaten, mit Blick auf den Plac Marszalka Jozefa Pilsudskiego gerichtet, bewacht. Stündlich findet hier eine Wachablösung statt.

Unsere Tour geht weiter, vorbei am Nationaltheater, dem alten Rathaus und stoppt in mitten einer auf dem ersten Blick unauffälligen, kleinen Straße. Wir stehen links, auf der rechten Straßenseite sehen wir ein verfallenes Gebäude mit sichtbaren Einschusslöchern in den Steinen. Davor ein Denkmal aus einem W und P geformt. Das Symbol ist mir gestern schon aufgefallen und heute bekommen wir die Erklärung dafür. Wojsko Polskie steht für den Warschauer Aufstand im zweiten Weltkrieg. Darauf ist man hier in Warschau sehr stolz. Das Gebäude war übrigens vor dem Krieg eine Bank, während des Kriegs eine Klinik.

Weiter geht es und nach einigen hundert Metern finden sich auf den Gehsteigen Metallstreifen mit der Innschrift "Warswa Ghetto 1940 bis 1943". Kann man die Innschrift lesen, befindet man sich im Ghetto. In der heutigen Grundfläche leben ca. 40.000 Menschen. Zu Hochzeiten des Ghettos waren es 500.000 (!) Menschen jüdischen Glaubens. Viele von ihnen verstarben bereits im Ghetto an Unterernährung und Krankheiten, alle anderen wurden entweder im KZ Treblinka oder in Auschwitz-Birkenau ermordet. An dieser Stelle ein Filmtipp: "Der Pianist". Polen macht es Paul und mir nicht einfach und stößt uns immer wieder auf die Vergangenheit Deutschlands. Matt lässt uns wissen, dass er Deutsche nicht damit assoziiert - er sagt in Polen gibt es einen eigenen Begriff für diese Generation "hilterowski", gleichbedeutend mit Hitler-Menschen.

Wir fahren nun in Richtung Altstadt und stehen plötzlich wieder in einem traumhaft schönen Garten. Es ist die Parkanlage samt Palast der früheren Magnatenfamilie Krasinski. In den letzten Jahren hatte hier das oberste Gericht Polens seinen Sitz. Dieses ist nun direkt hinter den Palast in ein modernes Gebäude gezogen. An der vom Standort Krasinski Palast aus gesehen linken Seite des neuen Obersten Gerichtsgebäudes befindet sich die Hidden Fontain. Auch hier befindet sich wieder eine Grenze des Warschauer Ghettos. 

Mit einem Mal werden die Straßen richtig alt. Kopfsteinpflaster und mittelaterliche Häuser zur rechten und zur linken Hand. Was für eine Facettenwechsel! Wir befinden uns in der Neustadt (ja Neustadt) noch vor den Toren der Altstadt und fahren am Haus von Marie Sklodowska-Curie vorbei, weiter zum Neustadtmarkt. Plötzlich sind wir in einer Umgebung, welche sich eher wie ein kleines slavisches Dorf präsentiert und anfühlt. Nichts lässt mehr an das Warschau von vor einigen Minuten erinnern. Toll! Wir sind begeistert. Matt "treibt" uns weiter und es geht hinunter an die Ufer der Weichsel. Wir fahren durch eine moderne Parkanlage, in welcher an den warmen Wochenenden des Jahres laut Matt die Hölle los ist und am Abend eine tolle Laser-Fontainen-Show zu sehen sein soll.

Vom Weichselufer aus geht es über noch buckeligere und ältere Kopfsteinpflasterstraßen hinauf in die Altstadt und auf den Altstadtmark. Dieser wirkt wirklich wie aus dem frühen Mittelalter - alle Gebäude wurden jedoch anhand von historischen Gemälden nach dem 2. Weltkrieg wieder erichtet und gehören zum UNESCO Weltkulturerbe, obwohl nicht ein Gebäude historisch ist. Schön, dass man bei der UNESCO so flexibel ist und diese Altstadt schützt. Wir fahren von hieraus zum Warschauer Königsschloss und zur Sigismundsäule - ja auch hier ist alles "refurbished" und wirkt trotzdem original alt. :-) Die Säule steht heute auch für den Wiederaufbau von Warschau. Der Sigismund bekommt zu Europa- und Weltmeisterschaften den Fanschal der polnischen Nationalelf umgebunden.

Es geht vorbei an der Universität von Warschau und zurück in die Ulica Nowy Swiat. Zwei Stunden und 40 Minuten Segway stecken uns wirklich in den Füßen. Es fühlt sich an, als ob wir die Hälfte davon gelaufen sind. Dies verdient einen Apfelkuchen nach polnischer Hausfrauenart, in welchen sich Paul "instant" verliebt hat. In ein zwei Jahren bliebe es wohl nicht nur beim polnischen Apfelkuchen - die hübschen polnischen Mädchen sind meinem Sohn auch aufgefallen. 

Den Spätnachmittag und Abend lassen wir beim gemütlichen Spaziergang durch die Straßen an uns vorüber ziehen und ich tag-träume ob der Architektur und dem umfassenden Straßengefühl in Kindheitserinnerungen vor mich hin. Wir haben Warschau als eine moderne, pulsierende Stadt wahrgenommen. Auch hier besticht das Straßenbild durch junge Menschen, hübsche und stolze Frauen, viel mehr jungen Müttern mit Kindern als in deutschen Städten, geschäftigem Treiben und Touristen.

Wir haben uns in Warschau als willkommene Gäste gefühlt und können eine Reise nach Warschau empfehlen. Der eindeutige "Geheimtipp" ist jedoch Krakau.

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Oh du wunderschönes Krakau

Wir nehmen uns Zeit für Krakau, buchen eine Segway Tour, um so viel wie möglich, vor allem aber auch die Details der Stadt entdecken zu können und starten auf dem Hauptmarkt. Unser Guide berichtet, dass der Marktplatz bereits im 13. Jahrhundert angelegt wurde und mit seiner Fläche von ca. 40.000 m² einer der größten mittelalterlichen Marktlätze in Europa ist. In der Mitte des Platzes befindet sich die Tuchalle, welche 1555 im italienischen Renaissance-Stil wiederaufgebaut wurde.

Weiter geht es vorbei an der Marienkirche. Bereits gestern ist mir aufgefallen, dass sie nicht nur zwei in der Größe, sondern auch in der Architektur unterschiedliche Türm besitzt. Wir bekommen erzählt, dass einer Sage nach die Türme von zwei Brüdern in Konkurrenz erbaut worden sein. Während einer der Brüder seinen Turm bereits erichtet hatte, fürchtete er, sein Bruder, würde seinen Turm übertrumpfen und brachte ihn kurzer Hand mit einem Messer um.

Wir fahren weiter und gelangen vom Hauptmarkt aus zum Krakauer Florianstor mit seinen Stadtmauerresten und dem Barbakan. Das Florianstor ist das einzige noch erhaltene, der ehemals 8 Stadttore. Unsere Tour führt uns durch die die Innenstadt umgebende Parkanlage hinunter zur Burganalge Wawel. Seit der Altsteinzeit bewohnen Menschen den Wawelhügel und seine Kalksteinhöhlen. Der Legende nach trieb ein Drache sein unwesen, bis dieser vom Ritter Krak besiegt wurde.

Bereits im 10. Jhd. wurde auf dem Wawel die Marienrotunde angelegt. Mit dem Jahr 1000 wurde Krakau Bischofssitz und der Bau einer dreischiffigen Kathedrale begann. Ich erspare Euch hier die gesamte Historie der Wawelburg. Wer sich dennoch dafür Interessiert, der kann sich bei Wikipedia schlau lesen. Die heutige Burg jedenfalls stammt mehr oder weniger aus der Zeit nach 1595, denn die bis dahin stehende Burganlage viel einem Großbrand vollständig zum Opfer.

Bis 1596 war Krakau übrigens die Hauptstadt des polnischen Königreiches. Sigmund III. Wasa, zeitweise polnischer und schwedischer König, sowie Zar von Russalnd verlegte seinen Königssitz nach Warschau. Er bevorzugte die zentrale Lage Warschaus. Damit begann Krakau für eine lange Zeit in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Dies änderte sich erst mit Ende des 1. Welkrieges. Krakau entwickelte sich zwischen beiden Kriegen zu einem kulturellen Zentrum. Wir sind inzwischen auf den Wawelhügel gefahren, genießen den Blick über Krakau und lassen unsere Gedanken ein wenig mit der Weichsel Flussabwärts ziehen.

Wir streifen einen unrümlichen Teil der Geschichte von Krakau, als unser Guide uns vom Wawel aus das Stadtvirtel Kazimierz zeigt. Bis 1941 lebte hier eine sehr große jüdische Gemeinde zunächst frei, später im Ghetto. Heute ist dieser Stadtteil besonders bei jungen Menschen beliebt. Es ist geprägt von seiner jüdischen Kultur und einem eigenen Szeneleben. Steven Spielberg dreht einen Teil des Films Schindlers Liste hier in Krakau-Kazimierz.

Es geht vom Wawel bergab, zurück in Richtung Innenstadt. Wir fahren durch die älteste Gasse Krakaus und gelangen zur Peter und Paul Kirche, erichtet in der Wendezeit des 16./17. Jahrhunderts. Unser Weg führt uns den Königsweg hinauf und zurück zum Hauptmarkt. Von hier aus machen wir noch einen Abstecher zum kleinern Krakauer Markt und zur Krakauer Oper bevor wir durch kleine Gassen den Weg zurück zum Tourbüro finden und unsere 90 minütige Tour beenden.

Wir haben viele Eindrücke gesammelt und reichlich geschichtliches über Krakau gelernt. Heute erleben wir Krakau als eine lebendige Studentstadt. Gut 60 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 45 Jahre. Der Ballungsraum (100km um Krakau herum) umfasst 8 Millionen Einwohner (!), die Arbeitslosenquote ist 10% Punkte niedriger als der nationale Durchschnitt und Krakaus Bevölkerung hat einen überdurchschnittlich hohen Bildungsgrad. Auch wirtschaftlich kann sich Krakau sehen lassen. Einige internationale Großkonzerne haben sich hier niedergelassen.

Paul und mir hat es in Krakau ausgesprochen gut gefallen. Wir messen dies ganz unwissenschaftlich aus dem Bauch heraus und haben festgestellt, hier könnten wir uns vorstellen zu Leben.

Chapeau Krakau!

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Krakau - Mein Herz geht auf.

Ich bin 42 Jahre alt und gestehe vorweg, ich war noch nie in Polen. Bisher hatte ich keinerlei Bilder im Kopf, die mich reizten Polen zu besuchen. Niemand schwärmte mir vor, dieses Land zu bereisen. Ich frage mich gerade, ob es vielleicht vielen Menschen so geht. Und ihr fragt Euch vielleicht, warum ich mich dennoch entschieden nach Polen zu reisen?

Es ist ein Ritual, welches ich mit meinem Sohn seit vielen Jahren pflege. Einmal im Jahr, reisen wir beide allein in eine europäische Hauptstadt. Vieles haben wir schon gesehen, in diesem Jahr sollte es nun die polnische Hauptstadt Warschau werden. Seit geraumer Zeit hatte ich mir vorgenommen die Gedenkstätte Auschwitz zu besuchen und so entschied ich unsere Reise in diesem Jahr etwas abzuwandeln. Krakau liegt ca. eine Autostunde von Auschwitz entfernt, hat einen Flughafen und bot sich daher als Zwischenziel unserer Reise an.

Als Zwischenziel (!?) - es soll sich herausstellen, was für eine fatale Fehleinschätzung diese Nomenklatur war! Nach einem gut einstündigen Flug landen wir am Johannes Paul II. Flughafen in Krakau. Der Flughafen ist überschaubar aber modern. Unser Fahrer wartet bereits in Ankunftshalle. Er spricht nur polnisch, wir nur englisch und so verständigen wir uns liebenswert unbeholfen mit nette Gesten, Händen und Füßen. Die Autofahrt nach Krakau dauert ca. 30 Minuten. Es geht zunächst durch kleine Dörfer - vieles wirkt ein wenig verschlafen, die Natur ist üppig grün, leicht hügelig. Der Verkehr nimmt langsam zu, die Besiedelung auch und plötzlich sind wir im Stadtgebiet.

Die erste Überraschung - viele alte Häuser, wunderschön hergerichtet, viel grün, einiges an Verkehr, viele Menschen auf den Straßen, ich spüre eine gute Stimmung, die durch die Scheiben unseres Taxis dringt. Das gefällt mir und ich bekomme richtig Lust durch die Straßen zu laufen. Unsere Unterkunft ist ein Apartmenthotel, in einem der alten so schön anzusehenden Häuser. Es befindet sich direkt in Zentrumsnähe. Rasch die Koffer ausgepackt, ein paar Minuten ausruhen und dann möchten Paul und ich los.

Das Zentrum der Altstadt ist von einem grünen, parkartigen, Gürtel mit einer durchschnittlichen Breite von ca. 100 Meter umsäumt. Ein Hauptweg folgt dem grünen Gürtel, viele kleine Wege verzweigen sich. Der alte Laubbaumbestand wirk wie eine grüne Lunge, biete Schutz vor der Sonne. Kinder spielen, alte Menschen sitzen auf Bänken, erzählen, ruhen sich aus, junge Menschen liegen auf den Parkwiesen und schmusen. Mein Herz geht auf.

In den beiden Tagen, die wir Krakau verbringen, werden wir die Altstadt einmal in diesem wunderschönen Parkgürtel umrundet haben. Kleine Straßen durchbrechen die Parkanlage an den Stellen, an welchen früher Einfahrten durch Stadttore möglich waren. Wir nutzen eine dieser Straßen und laufen in Richtung Altstadt und Marktplatz. Mit uns, Touristen aus Aller Herren Länder. Die Gebäude zur rechten und linken Hand sind alle historisch, tip-top in Schuss. Wir laufen auf den Marktplatz zu und sind überwältigt. 

Es ist die Größe, das Leben, die Schönheit, die Architektur, die alte Markthalle in mitten des Platzes - staunend bleiben wir stehen und ich frage mich, wieso Krakau sich vor mir auf der Landkarte versteckt hat. Wir umrunden den Marktplatz mit seinen Cafes, Restaurants und kleinen Geschäften. Es ist bereits 19:00 Uhr aber in der ganzen Altstadt geht es so lebendig zu, als wären wir in einer Megametropole. Es wimmelt angenehm unaufdringlich an Menschen, vor allem junge Menschen sind auf den Straßen, diese Stadt erobert gerade mein Herz und ich freue mich auf den kommenden Tag, der uns die ganze Schönheit zeigen soll.

Den Abend lassen Paul und ich in einem wunderschönen Restaurant mit polnischer Küche ausklingen. Für mich als Vegetarier eine kleine Herausforderung, da die polnische Küche ehrlich, vor allem aber fleisch-lastig ist. Mit ein wenig Geschick, lässt sich aus Beilagen auch etwas zaubern. Ich unterhalte mich angeregt mit Paul über unsere ersten Eindrücke, wir lesen in Wikipedia Karkau Facts und sind vollkommen angefixt mehr zu entdecken.

Auschwitz - Birkenau

Es ist Pfingsten 2018. Wie in jedem Jahr bin ich mit meinem Sohn Paul zu dieser Zeit unterwegs und wir besuchen eine europäische Hauptstadt. In diesem Jahr haben wir unsere Reise etwas verändert und beginnen in Krakau, bevor wir uns der polnischen Haupstadt Warschau widmen.

Wer geografisch etwas bewandert ist, dem ist bekannt, dass sich ca. 1 Autostunde südwestlich von Krakau der Ort Oswiecim befindet. Den meisten Menschen ist dieser Ort wohl eher unter dem Namen Auschwitz bekannt.

Am 19. Mai 2018 klingelt uns der Wecker bereits um 5:20 Uhr wach. Rasch die Zähne geputzt und angezogen. Um 5:55 Uhr werden wir bereits von unserem Shuttelbus abgeholt. Schwere Kost steht an diesem ersten Urlaubstag so früh auf dem Ausflugsplan.

Ausflug - wie das klingt. Darf man soetwas eigentlich sagen? Wir machen einen Ausflug nach Auschwitz? Streichen wir das Wort lieber und sagen, wie machen uns auf den Weg, um uns mit einem Teil deutscher Vergangenheit auseinanderzusetzen. Viel bekomme ich nicht mit von der Fahrt, die uns durch weitgehend flache und üppig grüne Landschaft führt, weil es mir die Augen immer wieder zuzieht - es ist einfach noch zu früh am Morgen.

Der Parkplatz ist noch weitgehend leer, als unser Shuttelbus den Motor abstellt. Wir befinden uns am Haupteingang des Museums Auschwitz. Unscheinbar - das ist mein erster Gedanke. Ein dunkelroter, ebenerdiger Backsteinbau liegt vor uns. Es folgt eine Sicherheitskontrolle wie man sie vom Flughafen kennt. Wir bekommen Audioguides, unser Tour-Guide (...ja man bucht tatsächlich eine Tour...) spricht Englisch mit polnischem Akzent. Er fordert uns auf durch die Eingangsperren zu gehen und das Gebäude am Ende des Ganges wieder zu verlassen.

Das ist es, das Tor mit der so bös bekannten Überschrift "ARBEIT MACHT FREI". Wir betreten durch dieses Tor Auschwitz I, auch Stammlager genannt, das erste von insgesamt 3 Konzentrationslagern. Verrosteter Stacheldrahtzaun, welcher damals unter Hochspannung stand, umzäunt das Gelände. Immer wieder unterbrochen von Wachtürmen, im unteren Segment aus grauem Beton und im oberen Segment aus dunklem, verwittertem Holz bestehend. Die Baracken sind dreistöckige Gebäude aus roten Backsteinen, welche in Reihen gebaut wurden.

Der Tourguide berichtet, dass dieses Lager zunächst dazu diente Verbrecher, politisch Gefangene und sexuell anders denkende Menschen, sowie polnische Intelektuelle und sowjietische Kriegsgefangene hier unterzubringen. 70.000 Menschen starben hier, vorallem in Folge der schlechten Haftbedingungen, schwerer körperlicher Arbeit und mangelnder Ernährung.

Die Gebäude sind heute Teil des Museums. Bilder und Zeitdokumente befinden sich an den Wänden und in Vitrienen. Noch immer wirkt alles sehr abstrakt - das ändert sich aber schlagartig, als wir einen Raum betreten, in welchem eine große, gläserne Urne auf einem Sockel in die Wand eingerückt steht. Man kann die Asche von hier ermordeten Menschen sehen. Plötzlich bringe ich die Menschen auf den Bildern an den Wänden gedanklich in die Urne - es fühlt sich bedrückend an und soll nur der Anfang von dunklen Gedanken und Gefühlen sein.

Wir lernen unter welchen Bedingungen die Menschen hier zwischen wenigen Tagen, Wochen und Monaten vegitieren mussten. Der Tourguide berichtet von ersten medizinischen Versuchen, die in diesem Lager I begannen, von den entwürdigenden Maßnahmen, welche die Menschen über sich ergehen lassen mussten. Immer wieder springt der Tourguide gedanklich in Lager II, auch bekannt unter dem Namen Auschwitz II oder Auschwitz-Birkenau. Bilder an den Wänden zeigen die "Rampe" an welcher die Züge ankamen und die Menschen von Dr. Mengele selektiert wurden.

Wer augenscheinlich alt, krank, schwanger oder ein Kleinkind war wurde sofort aussortiert. Alle verbleibenden Menschen wurden innerhalb Auschwitz-Birkenau in Baracken zugewießen. Die  privaten Gegenstände, (max. 25kg durften die Gefangenen aus ihren Getthos oder privaten Wohnungen in den Zügen nach Auschwitz mitnehmen) verblieben an der Rampe.

Der Tourguide springt zurück in die Räumlichkeiten von Auschwitz I, durch welche wir unsere "Tour" fortsetzen. Wir betreten einen rechteckigen Raum an dessen längerer Seite sich eine  Glaswand befindet. Dahinter liegen Bergeweise, abgeschnittene und verfiltzte Haare. Man kann unterschiedliche Haarfarben ausmachen, Zöpfe erkennen. Ekel macht sich ob des Anblicks in mir breit, während der Touguide die Verwendung der Haare schildert. Decken, Socken, Matratzenfüllung ... wiederlich, grausam, einfach schrecklich!

Im nächsten Raum befinden sich hinter einer ähnlichen Glaswand Koffer. Darauf stehen die Namen und Wohnorte der "Reisenden". Sara, Josef, Ludmilla ... wieder entsteht der Bezug zu den Menschen. Es geht weiter 70.000 Schuhe ... ausgetretene-, schicke-, Winter-, Sommer, Herren- und Damenschuhe ... und wieder dieses Ekelgefühl. Der Tourguide redet in Zahlen, ich denke an die Namen, suche gedanklich die Schuhe dazu und sehe die Gesichter an den Wänden. Alles läuft an mir vorbei... und der nächste Raum schlägt noch schonungsloser zu. Baby- und Kindersachen, bunte Kinderschuhe... es folgen unmengen an Brillen, Kämen, Schüsseln und Haushaltsgegenständen - alles zurückgelassen an der Rampe.

Wir verlassen das Gebäude. Inzwischen ist es nach 9:00 Uhr, zarte Sonnenstrahlen durchdringen die morgentliche frische Luft in Auschwitz und es fröstelt mich innerlich. Wir laufen am "Krankenhaus" vorbei. Es ist keines! Wer hier rein ging bekam eine Injektion Phenol und hatte wenig später diesen grausamen Terror "überstanden". Der letzte Block führt uns in den Keller. Folterzellen, kleine Gaskammern, in welchen die SS begann mit Hilfe von Zyklon B die Vernichtungsmaschine zu erbroben. Es geht durch den Innenhof, in welchem Erschiesungen stattfanden und schlussendlich ins Krematorium. Wir sind durch! Der Tourguide erzählt irgendetwas von ...15 Minuten Pause, dann am Parkplatz treffen ... Es ist 9:30 Uhr und ich bin bis obenhin bedient. Einige Mitstreiter der Museumstour weinen.

Meine Hände wärmen sich an einem billigen Automaten Cappuccino, während wir auf dem Weg nach Auschwitz-Birkenau sind. Das 2. der 3 Auschwitzlager ist ca. 2km vom Stammlager entfernt. Wieder ein Parkplatz. Da ist es - das bekannte große Durchfahrtstor, durch welches die Züge in das Vernichtungslager einfuhren. Wir durchqueren es zu Fuß und blicken auf ein gigantisch großes Areal. Laufen auf der Rampe bis etwa mittig. Hier steht ein letzter Wagon, in welchem die Menschen nach Auschwitz transportiert wurden. Bis zu 14 Tage dauerten diese Fahrten, berichtet uns der Tourguide.

Da steh ich nun - Millionen von Seelen schwirren um mich herum. Sie kamen hier an, Tags, Nachts, im Sommer, im Winter. Die Wagons wurden geöffnet. SS Soldaten schrien, Hunde bellten, Schüsse vielen, Kinder weinten, Familien wurden auseinander gerissen. Ich blicke zu meinem Sohn Paul und in mir krampft sich alles zusammen. Die Angst dieser Rampe ist spürbar. Wir folgen den Spuren der Mehrzahl dieser Menschen, in Richtung eines kleinen Wäldchens, am Ende des Lagers. Heute ist hier zentral eine großes Denkmal. In allen Sprachen steht auf dem Boden: "Dieser Ort sei allzeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit."

Zur rechten und zur linken Seite des Mahnmals öffnet sich der der Boden. Man blickt in die unterirdischen Entkleidungskammern. Darauf folgend die unterirdischen Gaskammern für 700 Menschen. Bis zu 700 Menschen wurden gleichzeitig vergast - nicht am Tag - ca. alle 60 Minuten. Aus der Gaskammer heraus wurden die leblosen Körper mit Hilfe einer Aufzuganlage in das Krematorium befördert und sofort eingeäschert. Was für eine grausam durchdachte Maschinerie.

Wir laufen eine der Lagerstraßen hinauf zum Haupteingang. Mein Blick schweift über die rießige Lagerfläche. Es stehen nicht mehr viele der Baracken. Nur die steinernen Kamine ragen aus den Sommerwiesen empor. Dazwischen Magaritten, ich sehe Hasen herumhoppeln und es wirkt als ob Mensch und Natur gemeinsam beschlossen haben, diesem Ort eine Jahrhunderte währende Stille aufzuerlegen. Dieser ganze Ort, jeder Quadrazentimeter ist voll mit Asche - die ganze Region ist voll von Flugasche. Schätzungsweise 1.500.000 Menschen wurden hier vernichtet.

Wir verlassen Auschwitz in unserem Shuttlebus und ich bin leer im Kopf. Es stimmt mich versöhnlich, als ich auf die Rückbank sehe. Geschaftt und friedlich schlafen ein 16 jähriges polnisches Mädchen, ihre Mutter und eine 16 jährige Austauschschülerin aus Conneticut. Sie fahren geminsam mit Paul und mir, den Erben dieser Geschichte, vertrauensvoll und versöhnlich zurück nach Krakau.

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